|
1. "Muss eine körperliche Krankheit nicht auch körperlich behandelt werden? Ist Psychotherapie nicht etwas für seelisch kranke Menschen?
Probieren Sie es mal aus, den Kopf hoch zu heben, die Mundwinkel leicht nach oben zu ziehen und ein paar Mal tief durchzuatmen. Jetzt wird es wahrscheinlich schwierig sein, sich traurig zu fühlen oder sich an traurige Situationen zu erinnern. Das wird wahrscheinlich viel besser gehen, wenn Sie den Kopf nach vorne hängen lassen, die Mundwinkel nach unten ziehen und flach atmen. Probieren Sie es wirklich mal aus! Oft sind die Zusammenhänge zwischen Körper und Geist komplexer, subtiler und, vor allem, nicht so bewußt wie in dem kleinen Selbstexperiment. Aber aus der Tatsache der Körper-Geist-Wechselwirkung leiten sich wirksame psychologische Methoden zur Beeinflussung von Krankheiten mit Schmerzen und von Schmerzen selbst ab. Bei vielen körperlichen Erkrankungen konnten schon gute Heilungserfolge durch Psychotherapie erzielt werden. Die psychotherapeutische Behandlung kann die medizinische Behandlung nicht ersetzten aber wesentlich unterstützen. Bedenken Sie auch, daß die psychologischen Methoden, die Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen anwenden, von vielen gesunden Menschen genutzt werden, um ihre Lebensqualität zu verbessern oder ihren Erfolg im Beruf zu fördern. Psychologische Methoden können z.b. die Fähigkeit steigern, innere Ressourcen besser zu nutzen, sich mit sich selbst und mit anderen Menschen wohler zu fühlen, zwischenmenschliche Kommunikation befriedigender zu gestalten oder stressfreier und effektiver zu arbeiten.
Ja, Sie können das lernen, so wie Sie eine Fremdsprache,
Klavier spielen oder einen Fernsehempfänger reparieren lernen
können, indem Sie sich Anleitungen besorgen und üben.
Aber nur wenige schaffen das, und wenn, dann mit sehr viel mehr
Schwierigkeiten und Mühe als mit einem Lehrer oder einer
Lehrerin. Sich Unterstützung zu nehmen ist oft einfach
geschickter und effektiver. Es gibt leider keine Wundermittel, die garantiert helfen. Manchmal bringt eine psychotherapeutische Behandlung überraschend schnelle und gute Ergebnisse, manchmal dauert es einige Wochen, manchmal einige Monate bis sich befriedigende Ergebnisse zeigen, manchmal bringt die Therapie nichts. Normalerweise klärt es sich in 5 bis 10 Sitzungen, ob eine Psychotherapie erfolgversprechend sein wird. Eine Kurzzeittherapie dauert 25 wöchentliche Sitzungen und reicht oft für eine befriedigende Besserung der Schmerzen aus. Eine Langzeittherapie dauert ca. 50 bis 100 Sitzungen.
In einer Psychotherapie steht sehr viel Zeit zur Verfügung, über Ihre Schmerzen und deren Auswirkungen auf ihre Leben zu reden. Vielleicht wird der Psychotherapeut oder die Psychotherapeutin so viel und genau fragen, daß Sie Zusammenhänge entdecken, die Sie bisher noch nicht bemerkt hatten. (z.B., daß eine ganz bestimmte Haltung, Spannung, Entspannung oder sogar ein Gedanke den Schmerz beeinflußt). Eine Patientin war einmal richtig erschrocken, als sie bemerkte, daß sie während eines halbstündigen Telefongesprächs mit ihrer Freundin keinerlei Schmerzen spürte. Es war dann für sie sehr hilfreich, zu untersuchen, wie ihr Körper in diesem Gespräch reagierte. In einer Psychotherapie wird von Ihnen mehr Mitarbeit gefordert als Sie es vielleicht von der ärztlichen Behandlung gewohnt sind. ZB. könnte der Psychotherapeut oder die Psychotherapeutin empfehlen, daß Sie für eine Weile ein Schmerztagebuch führen oder täglich eine Entspannungsmethode üben oder eine Übung zur Selbstwahrnehmung durchführen.
Sie sollten davon ausgehen, daß Sie immer am besten wissen, was ihnen gut tut. Der Psychotherapeut oder die Psychotherapeutin kann durch Fragen klären helfen, Anregungen geben, Vorschläge machen, Erklärungen anbieten, aber letztlich bestimmen Sie, was geschehen soll. Es ist wichtig, daß Sie so mitarbeiten, wie Sie sich selbst wohl fühlen. Machen Sie nur das, was Ihnen selbst auch als sinnvoll erscheint. Sie haben immer das Recht zu fragen, wozu eine Frage oder ein Vorschlag des Therapeuten oder der Therapeutin gut sein soll. Sie brauchen auch nur so viel von sich zu sagen, wie Sie ihm oder ihr anvertrauen möchten. Es ist für die Zusammenarbeit günstig, wenn Sie Vorbehalte, Zweifel, Kritik oder Ärger gegenüber dem Psychotherapeuten oder der Psychotherapeutin ausdrücken. Es ist normal, daß eine Psychotherapie mit Ängsten, Unsicherheiten, Peinlichkeitsgefühlen oder Mißtrauen beginnt und sich erst langsam ein Vertrauensverhältnis entwickelt, in dem man sich wohl fühlt. Haben Sie keine Scheu, die Therapie abzubrechen, wenn Sie sich bedrängt, manipuliert oder in irgend einer Weise abgewertet fühlen. Suchen Sie dann einen Therapeuten oder eine Therapeutin Ihres Vertrauens.
|